Nordkirche - PTI

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Bericht über die Studienfahrt "Mallorca all inclusive - mal ganz anders"

26.10.2018 | Mit einer Gruppe von 16 Lehrerinnen brach Britta Hemshorn de Sánchez, Studienleiterin für Inklusion und Globales Lernen am PTI, im Oktober für eine Woche nach Mallorca auf. Ziel war es die Insel interreligiös und interkulturell zu erkunden und die neuen Eindrücke auf gemeinsamen Wanderungen zu „verdauen“.

Das interkulturelle Lernen begann schon mit den unterschiedlichen Menschen in  der Gruppe. Denn die Teilnehmerinnen waren Religionslehrerinnen  aus Hamburg und Schleswig-Holstein aller Schulformen und -stufen, im Alter zwischen 35-65 sowie von den Religionen und Konfessionen her divers zusammengesetzt.
Ein Schwerpunkt der Reise war es den Spuren von Ramon Llull (1232 -1316) zu folgen, einem Theologen und Gelehrten, der für seine Zeit interreligiös erstaunlich offen war. Er verband sein Missionsprojekt unter den „Ungläubigen“ mit dem interreligiösen Dialog, setzte die längste Zeit seines Lebens auf Worte statt auf Waffen. Er übernahm Inhalte und literarische Formen von den jüdischen und muslimischen Gesprächspartner*innen bzw. aus deren Literatur, durch die er auch mit der Philosophie der Antike in Berührung kam. So sollten sich bei ihm  z. B.  Glaube und Vernunft nicht widersprechen, und Erkenntnisse über Fragen und Antworten wachsen. Überzeugen wollte er durch Logik, nicht durch Zwang oder bloße Berufung auf Autoritäten. Er beschäftigte sich mit verschiedenen Wissenschaften und gilt heute als Vorläufer der Computertechnik. Wir besuchten das Kloster, in dem er lange wirkte und viele seiner 250 Schriften verfasste, seine Schule für Arabische Sprache, die er für Missionare eingerichtet hatte, und sein Grab in Palma.
 In Palma und in den Gärten von Alfabia ging die Reisegruppe den erhaltenen Zeugnissen der maurischen Kultur nach. Von 903 bis 1229 stand Mallorca unter maurischer Herrschaft. Die christlichen Eroberer zerstörten im 14. Jahrhundert zwar die meisten maurischen Bauten, aber Terrassen- und Bewässerungsanlagen, Gärten, die ans Paradies denken lassen, und einige Rest-Bauwerke in Palma sind noch zu bestaunen.
Die Gruppe fragte sich immer wieder nach Llulls Anliegen und seinem Ansatz im Vergleich zu den eigenen Vorstellungen von Dialog und zu den Ansätzen, wie heute die Begegnung mit anderen , besonders muslimischen, Gemeinschaften in Hamburg und auf Mallorca gestaltet wird.
Ein Besuch galt Pater Miguel, dem Begründer des Arbeitskreises Interreligiöser Dialog auf Mallorca, der sich zurzeit auf den Besuch des Weltparlaments der Religionen 2019 vorbereitet. Er ist einer der vier Pater im Kloster Sant Honorat, deren Ordensgemeinschaft der Heiligen Herzen  sich immer noch den llull‘schen Visionen verpflichtet weiß. Im Garten des Klosters steht ein Denkmal der Weltreligionen, in dem in einem großen Rad viele der großen Religionen durch ein Symbol vertreten sind - alle gleichberechtigt, „denn niemand kann die ganze Wahrheit kennen“, sagte Pater Miguel.
Heutzutage stellen die Marokkaner*innen die größte Minderheit (nach den Deutschen) auf Mallorca dar. Meistens sind es Berber*innen aus der Rif-Region, die innerhalb Marokkos als eine stark vernachlässigte Gegend gilt. Die meisten Menschen dort sind Analphabeten. Die Männer kommen als Landarbeiter auf Arbeitssuche nach Mallorca. In manchen Gemeinden wurde auf Mallorca Kulturvermittler*innen eingestellt, die zwischen den berberischen Familien und den Behörden, Institutionen und Schulen vermitteln, um die Integration zu erleichtern. Eine der Kulturvermittlerinnen, Elena Carlos,  lernten wir kennen. Sie erzählte wie ihre Arbeit begonnen hatte und welche Schwerpunkte sie jetzt setzt. Zurzeit liegt der Fokus auf der Stärkung der berberischen Mütter. Durch Sprach- und Empowerment-Kurse wächst Vertrauen und Selbstvertrauen. So gelingt es auch, die Mütter jedes Mal mehr aktiv in das Schulleben einzubeziehen.  
Sehr besonders war von daher auch, dass wir Gelegenheit hatten,  Schulen und deren unterschiedliche Konzepte kennen zu lernen, wie sie sich  auf ihre interkulturelle und interreligiöse Schülerschaft einstellen. Der Kampf um angemessene Mittel für Inklusionsmaßnahmen ähnelte den Bedingungen, die auch hierzulande bekannt sind. Eine Schule, das CEIP Llevant in Inca, mit 70% Anteil an Schüler*innen mit Migrationshintergrund – zumeist berberische Marokkaner*innen - inspirierte die Gruppe besonders. Das Klima an dieser Schule war äußerst angenehm, das Kollegium vom Hausmeister bis zur Leitung erschien allen sehr motiviert und in gutem, gleichberechtigten Kontakt miteinander.  Die Schule gehört zu einem spanischen Netzwerk von innovativen Schulen mit neuen Konzepten und Methoden: MIRA, die neue Methode, beinhaltet, dass der Unterricht in kleinen Lerngruppen mit zwei bis drei Lernbegleiter*innen ohne Lehrbücher, ohne Lehrer*innen-Pult und nur in Fachräumen stattfindet, in denen jeweils viel spielerisches, alltagsrelevantes  Material für alle Altersstufen bereit stand. Die Schüler*innen bearbeiten diese Materialien in kooperativen Lernformen. Die  Förderung von Eigenverantwortung und Medienkompetenz hatte einen hohen Stellenwert. Ein eindrucksvolles Zeugnis dafür war der Medienraum, in dem Schüler*innen in kleinen Gruppen regelmäßig zu Themen recherchieren, Zeitungsberichte darüber schreiben, oder die Ergebnisse als Radiofeature gestalten  oder als Fernsehfilm auf den Blog der Schule stellen. Die Schüler*innen-Firma hatte auf dem Hof u. a. einen Hühnerstall gebaut. Die Eier dieser Hühner wurden von Kochgruppen genutzt, denen auch Gemüse- und Kräuterbeete zur Verfügung standen. Durch das fächerübergreifende Arbeiten mit praktischer Anwendung und der Loslösung von Lehrbüchern war für alle und besonders für die berberischen Schüler*innen, ein freudiger Zugang zu dem - zunächst fremden –Schulbesuch garantiert. Ein Pädagoge, dessen Ansätze  die Schule inspiriert haben, ist der Italiener Francesco Tonucci, dem Begründer der Kinderstädte und Mitverfasser der Kinderrechte. Getragen und inspiriert wird dieses Tun von Margalida Rossello, der überaus engagierten Schulleitung des CEIP Llevant. Sie bedankte sich auch sehr für den Besuch aus Hamburg, da ihr so ein Feedback von außen auf das alltägliche Tun sehr wichtig ist.
Unterstützt und angeregt wurden viele dieser Bemühungen durch Alice Weber, eine Deutsche, die als Stadträtin in der Stadt Inca in der Bildungsarbeit aktiv ist. Ihr verdankte auch die Reisegruppe aus Hamburg viele Informationen und Kontakte auf dieser Reise.
Abgerundet wurde unsere Spurensuche durch ein Austauschgespräch mit dem Vertreter des islamischen Dachverbandes in Spanien auf den Balearen und dem Präsidenten eines lokalen Dachverbandes. Wir erfuhren, dass der islamische Religionsunterricht an Spaniens Schulen zwar gesetzlich zugesichert wird, aber noch nicht überall stattfinden kann. Auf den Balearen Inseln steht die Umsetzung ebenfalls noch aus. Die beiden Vertreter maßen dem Religionsunterricht nicht nur für die Identität der Schüler*innen große Bedeutung bei, sondern auch für den Erhalt des Friedens. Denn die z. T. entwurzelte zweite oder dritte Generation stellt teilweise eine Gefahr da. Sie leben „orientierungslos“  auf der Straße und es gibt noch kein Konzept, sie wieder in die Gemeinschaft einzubinden, aber dem Religionsunterricht trauten die beiden zu, dass er mit der Vermittlung von Werten, Identität und einer Orientierung am Frieden ein wichtiger Stabilitätsfaktor sein wird.
Die gemeinsamen Wanderungen durch die wunderschönen Landschaften gaben Gelegenheit für Füße, Augen und Nasen auch vielfältige sinnliche Eindrücke dieser Insel aufzunehmen und im Gespräch mit den Kolleginnen, die Informationen und Eindrücke zu vertiefen.

Mallorca, 8.-14.10.2018

Datum
26.10.2018
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